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Statistik für Anfänger: Sprachliche Präzision

Wir werden hier im Laufe der Zeit ein paar Beiträge dazu veröffentlichen, wie man eine qualitative empirische Untersuchung durchführt und schreibt.

Heute fangen wir mit etwas einfachem an: Der Abgrenzung des Gegenstandsbereichs – also was Sie eigentlich untersuchen wollen.

Das Problem stellt sich insofern, als eine empirische Untersuchung nur dann Sinn macht, wenn das, was sie untersuchen wollen, auch gemessen werden kann. Dafür eignen sich objektive Kriterien wie das Einkommen einer Person oder der Umsatz eines Unternehmens. Schwieriger wird es mit subjektiven Empfindungen, beispielsweise der Markenaffinität. Aber auch dafür gibt es Messinstrumente (dazu in einem Folgeartikel mehr), insofern können Sie eigentlich alles messen, Sie müssen nur Ihrem Leser deutlich erklären, was sie eigentlich messen. Daher: Definieren Sie genau, was Sie eigentlich untersuchen wollen.

Warum das so wichtig ist? Nun, nehmen wir an, Sie sind  Mediziner und wollen beispielsweise sowas wie die Kollegen hier untersuchen:

Britische Forscher hatten sich die Krankenakten von mehr als 100.000 Schotten mit Typ-2-Diabetes angesehen, bei denen um den Zeitpunkt der Diabetesdiagnose herum auch der Body-Mass-Index [BMI] bestimmt worden war. Untersucht wurde die Sterberate der Patienten in Abhängigkeit von BMI-Werten […]. Todesfälle in den ersten beiden Jahren gingen nicht in die Berechnung ein, […].  (Quelle)

In dem Fall  brauchen Sie (zumindest) zwei Datenpunkte pro Patient: Erstens sein BMI und zweitens der Zeitpunkt seines Todes. Dazu brauchen Sie eine sinnvolle Fallzahl. Und dann müssen Sie überlegen, wie Sie vorgehen. In unserem Fall das relative Risiko zu sterben („Sterberate“) im Vergleich zwischen Menschen mit hohem und niedrigen Body Mass Index.  Das geht beispielsweise mit einer Regressionsanalyse (auch die wird hier in Zukunft erläutert). Und dann berichten Sie Ihre Ergebnisse:

A total of 9,631 deaths occurred between 2001 and 2007. Compared with reference group, mortality risk was higher in patients with BMI 20 to <25 kg/m2 (-HR 1.22 [95% CI 1.13–1.32] in men, 1.32 [1.22–1.44] in women) and patients with BMI ≥35 kg/m2 (for example, 1.70 [1.24–2.34] in men and 1.81 [1.46–2.24]) in women for BMI 45 to <50 kg/m2). Vascular mortality was higher for each 5-kg/m2 increase in BMI >30 kg/m2 by 24% (15–35%) in men and 23% (14–32%) in women, but was lower below this threshold. (Quelle)

Da das jetzt etwas kompliziert klingt, lässt sich das für den Mainstream schön zusammenfassen, wie es die Ärztezeitung macht:

Das niedrigste Sterberisiko hatten Diabetiker mit einem BMI zwischen 25 und 30. Demgegenüber war die Sterberate bei diabeteskranken Männern mit einem normalen BMI zwischen 20 und 25 um 22 Prozent, bei Frauen um 32 Prozent erhöht.

Das hat nun beides die gleiche Aussage, möchte man meinen. Hat es aber leider nicht: Das „Sterberisiko“, ohne weitere Zusätze oder Erläuterungen, ist für jeden Menschen immer definitiv 100%. Hier fehlt das Wort „relativ“, und auch wenn man gutmütig darüber hinwegsehen könnte, ist es einfach nur schlampig. Wenn Sie also das relative Sterberisiko untersuchen, nennen Sie es auch so. Wenn Sie die Kaufabsicht untersuchen (dazu können Sie Leute einfach fragen), schreiben Sie nicht, dass sie das Kaufverhalten messen (dazu müssen sie es wirklich kaufen). Denken Sie also vorher nach, ob Sie Ihre Einflussvariablen und die abhängigen Größen auch wirklich messen können, dafür Daten haben und das Sinn macht. Und dann schreiben Sie es bitte präzise hin – Sie sind ja Wissenschaftler wie die Autoren um Jennifer Logue und nicht Schreiber bei der Ärztezeitung.

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Zitieren – Kein Buch mit sieben Siegeln

Es mag sein, dass ich in dieser Hinsicht eigen bin, aber ich habe das Zitieren noch von der Pike auf gelernt. Hans-Joachim Haubold, Universitätsbibliothekar in Mannheim, hat mich und meine Kommilitonen gequält. Aber die Quälerei hat sich gelohnt. Keiner derjenigen, die durch die Hauboldsche Zitierkaderschmiede gegangen sind, hat sich hinterher getraut, gegen das Erlernte zu verstoßen.

Umso schlimmer ist es, wenn man heute ein Buch aufschlägt und sich die Art und Weise ansieht, in der zitiert wird. Alle Formen des Zitieren haben sich mittlerweile zu einem kaum mehr beherrschbaren Wirrwar vermengt, in dem einem plötzlich ein (Vgl.) mitten im Text entgegen prangt, gefolgt von einem (Ebenda) auch im Text, man glaubt es kaum. Ein paar Seiten weiter hat es sich der Autor dann anders überlegt. Vielleicht hat er eine Nacht darüber geschlafen, vielleicht hat er zwischenzeitlich ein tief beeindruckendes Beispiel direkten Zitierens vor seiner Nase und plötzlich gibt es (Meier 2011: 52) und zwei Absätze weiter (Meier 2011: 55). Nichts mehr mit (Ebenda) und auch kein (Vgl.) mehr. Und um dem ganzen die Krone aufzusetzen, findet sich einige Zeilen weiter eine Fußnote (zum Glück keine Endnote, eine Unsitte die auszusterben scheint).  Also wandert der Blick auf der Seite nach unten und, man glaubt es kaum: Vgl.: Meier 2001: 28. Es ist zum Mäusemelken, und man merkt deutlich, derjenige, der dieses Buch geschrieben hat, zitiert nicht, nein, er dilettiert mit Verweisen, von denen er offensichtlich nicht die geringste Ahnung hat, warum sie überhaupt gemacht werden.

Also fangen wir vorne an:

Man zitiert, um Gedanken, die nicht eigene sind, zu belegen, und zwar in einer Weise, die es Dritten ermöglich, die zitierte Stelle aufzufinden.

Die Gedanken, die nicht die eigenen sind, kann man direkt zitieren, das ist dann der Fall, wenn eine Textstelle übernommen wird, was durch  „“ kenntlich gemacht wird.

Die Gedanken, die nicht die eigenen sind, kann man auch indirekt zitieren und einem Fremdautoren die eigene Interpretation seiner Gedanken andichten. Damit die Verballhornung der Gedanken anderer nicht den entsprechenden anderen angelastet wird, zitiert man ohne „“.

Es hat sich in manchen Wissenschaften, deren Ausbildung im Zitieren nicht so ganz den Standards entspricht, wie sie Hans-Jürgen Haubold für richtig hält, eingebürgert, nicht direkte Zitate mit einem „Vgl.“ zu kennzeichnen. Dies ist, soweit es in Fußnoten erfolgt, zulässig wenngleich unnötig, da bei einem indirekten Zitat keine „“ vorhanden sind und deshalb auch der unbedafteste Zitierer sehen sollte, dass hier indirekt zitiert wurde. Darüber hinaus ist das „Vgl.“ ein Relikt, das seinen Sinn daraus bezieht, dass Autoren unterschiedliche Interpretationen historischer Quellen vorgenommen haben. Wenn also Karl Dietrich Bracher die Emser Depesche im Urtext neu interpretiert hat und auf die Stelle im Original hinweisen wollte, die er neu interpretiert hat, dann hat er „Vgl.“ vor die entsprechende Quellenangabe in der Fußnote geschrieben. Das setzt für Puristen wie mich voraus, dass man Quellen haben muss, um  „Vgl.“ zu schreiben, aber man kann sich natürlich darüber streiten, was eine Quelle ist. Ich denke dabei an historisches Material, manche BWL-Professoren denken dabei an die Homepage von Pepsi Cola…. Aber in einem Punkt kann man mit mir nicht reden: Weder (Vgl.) noch (Ebenda) hat im Text etwas zu suchen. Beide Zitierweisen machen ausschließlich in Fußnoten Sinn. Wer sie im Text benutzt, zeigt seine völlige Unbedarftheit (Machen Sie sich doch einmal den Spaß, die Zitierweise Ihres Profs zu prüfen. Sie werden sich wundern!)

Warum hat z.B. (Ebenda) nichts im Text zu suchen. Nun ein (Ebenda) im Text wirkt auf Leute, die Zitieren gelernt haben, wie ein weiblicher Artikel vor einem männlichen Hauptwort: einfach nur falsch. Und wem das nicht genügt, hier ein pragmatisches Argument: Wenn Fußnote 21 sagt: Meier 2011: 25 und Fußnote 22 Ebenda, dann muss man schlimmstenfalls eine Seite zurückblättern und am Ende der Seite die Fußnoten scannen, um zu sehen, was Ebenda ist. Wenn ein (Ebenda) unvermittelt im Text auftaucht, dann muss man anfangen nach dem Zitat zu suchen, auf das sich das (Ebenda) beziehen könnte und das ist einfach nur ärgerlich.

Um es noch einmal zu wiederholen: Es wird zitiert, um Gedanken, die nicht die eigenen sind, kenntlich zu machen. Das Ziel des Zitierens ist es, dem Leser die Möglichkeit zu geben, die entsprechende Stelle im Original zu finden. Das kann man in Fußnoten oder in der so genannten amerikanischen (Harvard, APA) Zitierweise im Text sicherstellen. Wie auch immer man es tut, wichtig ist, dass es konsitent erfolgt.

Wer also im Text zitiert, kann nicht plötzlich anfangen, in Fußnoten zu zitieren und umgekehrt.

Wenn im Text zitiert wird, dann ist es eine Frage des persönlichen Geschmacks, ob man

so: (Meier 2011: 25)

oder so: (Meier, 2011, S.25)

oder so: (Meier 2011, S.25)

zitiert.

Wenn in Fussnoten zitiert wird, dann ist es ebenfalls eine Frage des persönlichen Geschmacks, ob man

so: 1 Meier (2011), S.25

2 Meier (2011), S.26

oder so:

1 Meier, Hans „Das Zitieren im Kontext der Moderne“, S.25

2 Ebenda, S.26

oder so

1 Meier „Zitieren Moderne“, S.25

2 Meier „Zitieren Moderne“, S.26

zitiert. Hauptsache konsitent!

Abgesehen von diesen einfachen Regeln, die man beim Zitieren beherzigen sollte, gibt es eine Reihe von „fancy“ Versionen des Zitierens [1] im Text oder in der [2] Fussnote, der dann ein Literaturverzeichnis in Reihenfolge folgt. Das alles sind, wie gesagt, Fragen des Geschmacks, der zwischen Professionen offensichtlich und erheblich differiert, und diese Fragen können anders beantwortet werden, so lange das Ziel des Zitierens, die Identifikation fremder Gendanken und deren Auffindbarkeit gewährleistet ist. Lassen Sie sich also nicht von strikten Zitierregeln abschrecken, wie sie zuweilen von Fachbereichen herausgegeben werden (Die Regeln sind um so strikter, je weniger theoretische Fundierung das Fach/der Fachbereich hat, so jedenfalls meine Beobachtung: Je weniger inhaltlich mache Fächer zu sagen haben, desto mehr Wert legen sie auf formale Pinzeligkeit, die z.B. Literaturverzeichnisse dann, wenn die Vornamen der Autoren ausgeschrieben sind, als „falsch“ ansieht oder unbedingt in Fußnoten den Autorennamen und eine Abkürzung für den zitierten Text sehen will, die dann im Literaturverzeichnis wieder mühsam und zur allseitigen Verwirrung rückübersetzt werden muss – aber: Des Professoren Wille ist sein Himmelreich…).

Noch ein letzter Punkt: Internetquellen. Ja. Die machen einem Kopfzerbrechen, denn man kann sie nicht guten Gewissens im Text zitieren etwa: (http://www.2ghostwriters.de/wp-admin/post-new.php). Das zerstört nicht nur den Lesefluss. Aber, will die Puristik nicht, dass nur im Text oder nur in Fussnoten zitiert wird? Die Antwort ist wie immer: Ja, … und nein. Das Ziel der Lesbarkeit von Texten steht in diesem Punkt nach meiner Ansicht über der Puristik, und deshalb habe ich das Problem des Zitierens für mich so gelöst, dass ich Internetquellen unabhängig davon, wie ich sonst zitiere, immer in Fußnoten packe. Das sieht einfach besser aus!

 

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